Bio oder nicht Bio: Gibt es Unterschiede hinsichtlich der Nährstoffe?

Mann hält Samen aus biologischem Anbau in der Hand. Trägt schwarze Handschuhe und befindet sich vor einem Feld

Bio-Lebensmittel gelten oft als gesünder. Insbesondere bei Obst und Gemüse stellt sich die Frage, ob die Anbaumethode tatsächlich Einfluss auf den Nährstoffgehalt hat. Als Ernährungsberaterin ging ich genau dieser Frage in meiner Bachelorarbeit nach.

Das Ziel meiner Arbeit bestand darin, den Nährstoffgehalt von Obst und Gemüse aus biologischem und konventionellem Anbau auf Basis einer systematischen Auswertung der wissenschaftlichen Literatur zu vergleichen. Meine Co-Autorin und ich haben 16 zwischen 2008 und 2025 veröffentlichte Studien analysiert. Diese befassten sich mit 43 in der Schweiz häufig konsumierten oder produzierten Obst- und Gemüsesorten, darunter Aprikosen, Erdbeeren, Himbeeren, Orangen, Mandarinen, Äpfel, Karotten, Zwiebeln, Paprika und Tomaten.

Zu den untersuchten Nährstoffen und sekundären Pflanzenstoffen gehörten (klicken Sie auf das Wort, um weitere Informationen zu erhalten):

Vitamin C

Vitamin C kommt natürlicherweise in vielen Obst- und Gemüsesorten vor. Es ist hitzeempfindlich, d. h., beim Kochen von Obst und Gemüse wird Vitamin C zerstört. Es trägt insbesondere zur normalen Funktion des Immunsystems bei.

Sekundäre Metaboliten

Sekundäre Metaboliten sind natürliche Substanzen, die in Pflanzen vorkommen und zu deren Schutz und Entwicklung beitragen. Ausserdem verleihen sie ihnen Geschmack und Farbe. Sekundäre Pflanzenstoffe haben eine starke antioxidative Wirkung und helfen so dabei, freie Radikale zu neutralisieren. Dadurch können Zellschäden und chronische Entzündungen reduziert werden. Darüber hinaus wirken sie entzündungshemmend, krebsbekämpfend und verlangsamen die Hautalterung. Sie bieten Schutz vor mehreren schweren Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit und neurodegenerativen Erkrankungen.

  • Phenole (inkl. Anthocyane und Polyphenole)
  • Flavonoide
  • Carotinoide (inkl. Beta-Carotin)
  • Lycopin
Ballaststoffe

Kohlenhydrate pflanzlichen Ursprungs, die vom Menschen nicht verdaut, sondern von der Darmflora fermentiert werden. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Regulierung der Verdauung und der Darmgesundheit sowie bei der Blutzuckerkontrolle, dem Sättigungsgefühl und der Vorbeugung bestimmter chronischer Krankheiten wie Typ-2-Diabetes.

Mineralstoffe und Spurenelemente

Elemente wie Eisen, Zink oder Kupfer, die in geringen Mengen in Lebensmitteln enthalten sind. Sie sind an zahlreichen wichtigen Funktionen des Organismus beteiligt, beispielsweise an der Abwehr von oxidativem Stress oder der Gentranskription. Gentranskription ist der Vorgang, bei dem Pflanzen wie Obst und GemĂĽse die Information eines Gens aus der DNA in eine gut lesbare Arbeitskopie (RNA) umschreiben. Diese Kopie nutzen sie, um wichtige Bausteine wie Proteine fĂĽr ihren Aufbau und ihre Funktionen herzustellen.

Zentrale Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass man den Nährstoffgehalt eines Lebensmittels nicht allein danach vorhersagen kann, ob es aus biologischem oder konventionellem Anbau stammt. Die Unterschiede hängen vor allem von folgenden Punkten ab:

  • der angebauten Sorte (z. B. Tomaten-, Apfel- oder Karottensorte) und wie reif die Frucht oder das GemĂĽse ist
  • dem untersuchten Nährstoff
  • den Anbaubedingungen und dem Erntejahr (Sonneneinstrahlung, Temperatur, Niederschläge)

Die folgenden Beispiele veranschaulichen diese Abweichungen:
Die mit * markierten Wörter sind sekundäre Metaboliten, siehe Erklärung oben.

Tomaten

Bei den Sorten Giulianova und Perbruzzo wurde im Zeitraum von 2008 bis 2009 ein geringerer Lycopingehalt* im biologischen Anbau festgestellt. Im Jahr 2010 wies die Sorte Perbruzzo hingegen einen höheren Gehalt im biologischen Anbau auf (ca. + 20 %). Der Gehalt an Vitamin C schwankte nur leicht, war aber ebenfalls je nach Sorte und Jahr unterschiedlich.

Äpfel

Die Sorten Pinova und Szampion wiesen im biologischen Anbau einen höheren Gehalt an Flavonoiden* und Gesamtpolyphenolen* auf. Bei den Anthocyanen* wurden keine deutlichen Unterschiede festgestellt.

Zwiebeln

Gelbe und rote Zwiebeln aus biologischem Anbau enthielten mehr Polyphenole*, Vitamin C und verschiedene Mineralstoffe.

Karotten

In Karotten aus biologischem Anbau wurden geringere Mengen an Beta-Carotin* gemessen.

Aprikosen

Die Ergebnisse waren je nach Sorte unterschiedlich: Die Sorte Cafona wies einen höheren Phenolgehalt* im biologischen Anbau auf, während die Sorten Vitillo und Pellecchiella niedrigere Werte aufwiesen.

Beeren und ZitrusfrĂĽchte

Bei den Erdbeeren und Himbeeren konnten keine deutlichen Unterschiede festgestellt werden. Der Vitamin-C-Gehalt bei biologisch angebauten Orangen war etwas höher, während Mandarinen ähnliche Werte aufwiesen.

Was bedeutet das fĂĽr mich?

Nach Abschluss dieser gründlichen Auswertung wird deutlich, dass die Anbaumethode die Nährstoffzusammensetzung zwar beeinflussen kann, aber nicht allein entscheidend ist. Die Unterschiede zwischen den Lebensmitteln ergeben sich aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
Dazu zählen:

  • die Sorte
  • die klimatischen Bedingungen
  • der Erntezeitpunkt
  • der Reifegrad von Obst und GemĂĽse
  • die Bodenbeschaffenheit.

All diese Punkte spielen eine gleiche, wenn nicht sogar wichtigere Rolle als die Anbaumethode (Bio oder nicht Bio). Entscheidend ist also weniger, wie Obst und Gemüse angebaut werden, sondern dass sie regelmässig, in guter Vielfalt, saisonal und möglichst aus der Region auf den Tisch kommen.

Auch Lebensmittel aus nicht biologischem Anbau unterliegen in den Schweiz strengen Qualitätsstandards und gelten als sicher. In bestimmten Fällen, insbesondere bei Menschen, die empfindlich auf Pestizidrückstände reagieren, wie beispielsweise Kinder oder Schwangere, kann der ökologische Landbau jedoch eine sinnvolle Alternative sein.

Fazit

Die Bezeichnung „Bio” erlaubt keine allgemeinen Rückschlüsse auf den Nährstoffgehalt von Obst und Gemüse. Mit Hilfe unserer Bachelorarbeit konnten wir verdeutlichen wie komplex der Zusammenhang zwischen Anbaumethode und Nährwert ist: Je nach Nährstoff und Sorte gibt es gewisse Unterschiede. Diese sind jedoch nicht eindeutig und lassen sich nicht verallgemeinern. Das zeigt, wie wichtig es ist, Informationen zum Thema Ernährung differenziert zu betrachten.

Die vollständige Bachelorarbeit steht hier zum Download zur Verfügung (nur auf Französisch).